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Werner Strüp
Der Ausflug zum Inselende
Besonders beliebt ist der Ausflug zum Inselende und zum Wrack. Allerdings
ist der Weg dahin nicht jedermanns Sache, denn hier geht es viel auf
und ab und auch manchmal etwas in die Irre und es muß auch wohl
einmal seichteres Wasser durchwatet werden.
Jedenfalls empfiehlt sich eine Wanderung in die östliche Einsamkeit
nicht für Inselgäste, die des weglosen Wanderns in der Einsamkeit
ungewohnt sind. Für den, der auf eigene Faust zum Inselende will,
empfiehlt es sich, das Fahrrad zu benutzen oder aber vom "Schlagbaum"
(inzwischen durch ein Tor ersetzt) am Ende der Leuchtturmstraße
1 km hinter dem Leuchtturm loszuwandern. Man gelangt dahin mit dem Taxi
(etwa 23,--DM) oder eigenem Wagen.
Fahrräder können Sie bei zahlreichen Fahrradverleihern in
der Stadt mieten. Haben Sie Verständnis dafür, daß man
Ihnen dort nicht die neuesten Fahrräder gibt und Sie bittet, nicht
durch Wasser zu fahren. Das Fahrradputzen ist eine mühselige Angelegenheit
und Fahrräder leiden durch die Einwirkung von Salzwasser stark.
Vereinzelt lehnt man eine Vermietung von Fahrrädern zum Inselende
ganz ab.
Empfehlenswert ist es bei einem Ausflug zum Inselende, für Hin-
und Rückfahrt zwei verschiedene Routen zu wählen. Einmal sollte
man am Strand entlang fahren oder wandern, zum anderen auf der Inselmitte
einen (nicht gekennzeichneten) Weg benutzen. Den Weg auf dem Inselkörper
sollte man hin benutzen, wenn der Wind aus östlichen Richtungen
kommt. Denn die Dünen bieten wenigstens anfänglich ein wenig
Schutz und man hat dann auf der Strandstrecke den Wind im Rücken.
Da die hauptsächliche Windrichtung von Westen kommt, wird man häufiger
den Hinweg am Strand entlang fahren. Von dieser Möglichkeit soll
hier ausgegangen werden.
Die Abfahrt oder der Abgang ist dann so zu wählen, daß man
etwa 1 Stunde vor Niedrigwasser am Strand ist. Nur der nasse Strand
garantiert eine bequeme Fahrt und einen angenehmen Weg. Radfahrer fahren
am günstigsten an der Weißen Düne oder am FKK-Strand
an den Strand. Wer diesen Strand umgehen will, hat die Möglichkeit
am Schlagbaum hinter dem Leuchtturm das Fahrrad an den Strand zu schieben.
Allerdings ist hier der Strand breiter als am FKK-Strand, so daß
man ein Stück länger durch den Sand schieben muß. Wenn
man den nassen, bei Hochwasser vom Wasser bedeckten Strand erreicht
hat, kann es losgehen. Bitte achten Sie aber darauf, daß Sie sich
nicht auf ein Strandriff verirren.
Solche Strandriffe, die oftmals beträchtliche Länge haben,
sind nur nach einer Seite hin offen, laufen auf der anderen Seite also
tot. Läuft man bis zu diesem Punkt, ist eine zeitraubende Umkehr
nötig, denn die Strandpriele zwischen Strandriff und Insel haben
meist größere Wassertiefen und aufgrund des erheblichen Gefälles
der Strandpriele bei ablaufendem Wasser auch, erhebliche Strömungen.
Auch sollte man hier nicht baden. Die Strömungen sind besonders
groß, wenn Wellen über das Strandriff schlagen. Dann entstehen
durch das überlaufende Wasser gefährliche Impulsströmungen.
Schon mancher Badende hat dadurch sein Leben verloren.
Ältere Insulaner erinnern sich auch noch an einen Unglücksfall
am Ende des vorigen Jahrhunderts. Drei Insulaner hatten von einem gestrandeten
Schiff Ware geborgen. Es war bereits dämmrig, als man mit dem vollgeladenen
Wagen die Heimfahrt antrat. In der Dunkelheit verfehlte man den Strand
und gelangte auf ein Strandriff. Als man den Fehler bemerkte, war es
für eine Rückkehr zu spät, denn die Flut begann bereits
das Strandriff zu überspülen. Es wurde versucht, deshalb mit
Pferd und Wagen durch den Priel zu fahren. Dabei schlug der Wagen um;
Pferde und Menschen ertranken.
An manchen Strecken ist der Boden glatt, so daß die Fahrradfahrer
bequem vorwärts kommen. An vielen Stellen aber bilden ärgerliche
Rippel ein Hindernis. Diese Rippel können durch die Brandung, durch
die Strömung oder durch den Wind entstehen und erreichen im tiefen
Meer oft mehrere hundert Meter Länge und mehrere Meter Höhe.
Im Hintergrund kann man bereits die roten Häuser von Baltrum und
wohl auch den weißen Wasserturm Langeoogs sehen. Spiekeroog ist
nur an ganz wenigen, besonders klaren Tagen zu erkennen. Bis wir am
lnselende sind, vergeht noch eine Weile. Die großen Dünen
werden immer seltener. Aber viele junge Dünen, meist kaum mehr
als einen Meter hoch, sind auszumachen.
Weiter seewärts erkennt man an den weißen Schaumkronen, daß
hier Sandbänke liegen, da sich die Wellen an den Sandbänken
überschlagen. Aus diesen Sandbänken verdriftet Sand auf die
Insel, der vor allem in der Gegend des FKK-Strandes angelandet wird.
So ist hier ein breiter Strand entstanden.
Weiter draußen erkennt man große Schiffe. Es handelt sich
hierbei um die Schiffahrtsstraße Jade-Ems-Weg. Dieser Schiffahrtsweg
ist ein Zwangsweg für die Schiffe. Man hat nämlich noch immer
nicht alle im 2. Weltkrieg ausgelegten Minen gefunden. Nur dieser Weg
wird aber regelmäßig von Minen geräumt. Die Schiffe
fahren wie auf der Autobahn in jeder Richtung auf getrennten "Fahrbahnen",
und es gibt einen Sicherheitsstreifen, in dem kein Schiff fahren soll.
So will man Kollisionen mit entgegenkommenden Schiffen vermeiden.
Wenn Sie kurz vor Niedrigwasser am Inselende sind, können Sie auf
die Othello-Plate gehen, die nur bei Niedrigwasser herausschaut und
kommen dann bis auf wenige Meter an die Buhnen von Baltrum heran. Gehen
Sie aber wieder rechtzeitig zurück bevor die Flut einsetzt. Die
Othello-Plate hat ihren Namen von einem gestrandeten Schiff aus der
spanischen Armada namens Othello. Nach der Schlacht von 1588 im Kanal,
in der die spanische Armada vernichtend geschlagen wurde, wurden einige
Schiffe hierher versprengt. Dabei muß die Othello auf dieser Sandbank
gestrandet sein.
Zwischen Baltrum und Norderney liegt wie zwischen allen ostfriesischen
Inseln ein Seegat. Durch diese Seegats läuft bei Ebbe das Wasser
aus dem Watt ins freie Meer. Dadurch haben die Seegats meist große
Tiefen und erhebliche Strömungen. Ein Durch schwimmen ist daher
nicht ratsam. Zwar ist ein solcher Versuch bereits probiert worden,
und es ist auch schon gelungen, von Norderney nach Baltrum zu schwimmen.
Aber mancher hat den Wagemut auch schon mit dem Leben bezahlen müssen.
Das Seegat vor uns heißt Wichter Ehe und hat seinen Namen nach
dem Ort Wichte auf dem Festland. Ehe oder Ee bedeutet soviel wie Wasser
(lat. aqua) und dürfte friesischen Ursprungs sein, während
Gat soviel wie Tor bedeutet und im englischen noch als "gate"
vorhanden ist. Die Wichter Ehe ist vor der Baltrumer Buhne etwa 12 m
tief.
Natürlich müssen Sie das Wrack besichtigen, das am Inselende
liegt. Das Wrack ist noch nicht aufgegeben und kann gekauft werden.
Der Eigentümer wohnt in Bensersiel. Es handelt sich bei diesem
Schiff um einen Muschelbagger. Wie er auf das Inselende gekommen ist,
erfahren Sie ebenfalls an anderer Stelle des Inselführers.
Für den Rückweg wollen wir den Weg auf der Inselmitte nehmen.
Auf der Südseite kann man nur schlecht entlang, denn der Boden
ist schlickig und der grüne Heller von zahlreichen Gräben
(den Grüppen) durchzogen, die das Laufen beschwerlich und das Fahren
unmöglich machen. Schlagen wir lieber den Weg an der Rattendüne
vorbei ein. Das Fahren mit dem Fahrrad wird hier noch nicht möglich
sein, denn der Sand hat viel Wasser gespeichert, das wegen des hohen
Grundwasserstandes nicht weiter in den Boden eindringen kann und den
Boden weich macht. "Soppsand", Suppensand nennen die Insulaner
diese Erscheinung. An der Stelle der früheren, 1976 durch eine
Sturmflut abgetragenen sogenannten Rattendüne, steht noch eine
Bake, die aber keine große Bedeutung für die Schiffahrt mehr
hat und lediglich noch als Peilpunkt bei Vermessungszwecken im Wattenmeer
dient. Die Rattendüne, die im vorigen Jahrhundert nach Schiffsstrandungen
entkommenen Ratten benannt wurde ist bis auf einen kleinen Rest nunmehr
völlig zerstört.
Nehmen Sie jetzt Kurs auf die Möwendüne, ein im Westen gelegenen
Dünenmassiv. Sie ist schon von weitem an der hohen Peilbake zu
erkennen. Hier brüten in den Sommermonaten gerne die Möwen.
Daher der Name. Während der Brutzeit sollte man die Düne meiden,
da dann die Möwen sehr angriffslustig sind. Umfahren oder umgehen
Sie die Düne auf der Seeseite. Wenn die Zeit nicht drängt,
sollten Sie aber unbedingt außerhalb der Brutzeit (15. Mai bis
31. Juli) einmal zur Bake hinaufsteigen. Man hat von oben einen prächtigen
Ausblick.
Auf der Wattseite kann man gut Grüppen erkennen. Diese Grüppen
laufen bei Hochwasser voll Wasser, das Wasser steht in ihnen recht ruhig,
so daß die mitgeführten Sinkstoffe abgelagert werden können.
Im Laufe der Zeit schlicken sie zu. Alle paar Jahre baggert man sie
aus. Der Schlick wird dann zur Seite zwischen zwei Gräben geworfen.
Dieser Vorgang wird alle paar Jahre wiederholt, und so entsteht immer
höher werdendes Neuland.
Durch den schützenden Hungerdeich hat die Landanlandung im Ostende
von Norderney große Fortschritte gemacht. Richtung Leuchtturm
folgt eine weitere Dünenansammlung, die aber keinen Namen hat.
Dahinter befindet sich ein Priel. Hätten Sie die Möwendüne
auf der Wattseite umfahren, stünden Sie direkt vor ihm. Er durchteilt
bei Hochwasser zur Hälfte die Insel und führt dann bis zu
1,50, m Wasser. Der Boden ist meist leicht schlickig. Schon bei leichteren
Sturmfluten wird das Gelände überflutet und nur die größeren
Dünen schauen heraus.
Der alte und viel zu früh verstorbene Wattführer Hinnerk Claussen
erzählte einmal von einem hier erlebten Abenteuer. Er war (verbotenerweise)
an der Möwendüne auf Kaninchenjagd gegangen. Denn hier draußen
sind die Kaninchen häufig anzutreffen, wie Sie vielleicht bereits
selbst an den vielen Kaninchenlöchern, den Eingang zum Kanichenbau
festgestellt haben. Plötzlich änderte sich das Wetter. Es
kam Sturm auf, der das Nordseewasser gegen die Insel trieb und im Nu
den Strand überschwemmte. Hinnerk saß auf der Möwendüne
und konnte nicht zurück. Er mußte dort die ganze Nacht verbringen,
bis sich mit der Ebbe das Wasser am frühen Morgen wieder verlief.
Die Übernachtung hat dem Hinnerk nicht viel ausgemacht. Was ihn
bedrückte, war die Tatsache, daß das vorsorglich mitgebrachte
Bier bereits am frühen Abend zur Neige gegangen war.
Gehen wir also lieber weiter und fahren an den Dünen auf der Seeseite
entlang. Hinter dem großen Priel beginnt sich eine Fahrspur abzuzeichnen.
Hier fährt häufiger ein Unimog des Domänen-Rent- und
Bauamtes. Dieser vorgezeichnete Weg führt Sie direkt durch die
Dünen bis zum Parkplatz
Schauen Sie aber bitte auch einmal die Dünen an. An vielen Dünen
finden Sie einen Spülsaum. Er verrät, wie hoch das Wasser
während des letzten Winters gestanden hat. Wenn unser "Fahrweg"
einen Knick wattwärts macht, können Sie vielleicht auch eine
kleine Hütte entdecken. Es ist eine Unterstellmöglichkeit
für Arbeiter, die hier Dünenschutzarbeiten vornehmen.
Ein wenig geht es noch auf und ab bis die gepflasterte Leuchtturmstraße
erreicht ist. In einer der Dünen auf der linken Seite, von einem
Birkenwäldchen verdeckt und mit Eingang zur Wattseite ist ein Bunker
versteckt den man besichtigen kann. Er stammt aus dem letzten Weltkrieg
und dürfte als Unterstand für Beobachtungsposten und Waffenlager
gedient haben. Alle anderen Bunker in den Dünen hat man gesprengt;
diesen hat man offenbar vergessen.
Sie werden froh sein, wenn Sie den "Schlagbaum", der seit
einigen Jahren durch eine Tür ersetzt ist, erreicht haben und die
Domänen als erstes Zeichen menschlicher Zivilisation entdecken.
Domänen sind staatliche Bauernhöfe, die auf 99 Jahre verpachtet
wurden. Endlich sind Sie wieder unter Menschen!
Geduld noch bis zum Leuchtturm! Von hier aus bringt Sie ein Bus wieder
zurück. Auch wenn Sie mit dem Fahrrad gefahren und müde sind,
können Sie mit dem Bus fahren. Der Bus hat unten ausreichend Platz
für Gepäck, und wenn Sie freundlich bitten, wird der Busfahrer
die Klappe gerne öffnen und ihrem Wunsch, das Fahrrad mitzunehmen,
Folge leisten. Ein ereignisreicher Tag liegt hinter Ihnen, und Sie werden
froh sein, sich ausruhen zu können. Sicherlich wird diese Wanderung
aber auch einen nachhaltigen Eindruck über den Urlaub hinaus hinterlassen.
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